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... über alles ...

Die deutsche Nationalhymne

von Christian Andreas Joachim Gommert († 2017)


Ja. Ja, das ist er, jener berüchtigte Ausdruck aus der deutschen Nationalhymne. Eine Nationalhymne, die Deutschland „über alles“ stellt, über den Rest der Welt. Praktisch die Tonspur der Lust, den Rest der Welt zu erobern. Das ist die Idee, die noch heute umläuft, im Ausland, aber manchmal auch in Deutschland selbst. Es bleibt jedenfalls zu fragen, warum das heutige Deutschland eine Welteroberungshymne behalten habe. Tatsächlich ist die Geschichte der deutschen Nationalhymne komplex.

Beginnen wir mit der Melodie, 1797 von Joseph Haydn für einen Text zum Lobe des österreichischen Kaisers komponiert. Man vermutet, der klassische Komponist, ein guter Freund Mozarts, habe ihr Elemente eines kroatischen Volksliedes eingefügt. Haydns Melodie findet sich auch in einem bekannten Streichquartett, war aber vor allem – mit immer wieder neu angepassten Texten – die Nationalhymne des österreichischen Kaiserreiches bis 1918.

Bildnis des Dichters Heinrich August Hoffmann von Fallersleben, Gemälde von 1898, Ernst Henseler (1852-1940); Von https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16083631Auf der Suche nach dem deutschen Nationalismus müssen wir nun in den Norden Deutschlands gehen. Da finden wir Heinrich Hoffmann, Universitätsprofessor für Germanistik und Dichter, der, nach seinem Geburtsort und zur Unterscheidung von einem anderen Schriftsteller mit dem gleichen Vor- und Familiennamen, auch „von Fallersleben“ (im Sinne von „aus Fallersleben“) genannt wurde. Heinrich Hoffmann hatte liberale und radikal demokratische Ansichten.

Damals – wir sind in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts – war Deutschland ein Bund vieler fast völlig voneinander unabhängiger Staaten. Unabhängig war allerdings der König oder der Fürst jedes – großen oder kleinen – Staates. Mit dem Wiener Kongress begann auch in den deutschen Königreichen und Fürstentümern eine Restauration; die Rechte der Bürger wurden eingeschränkt; die meisten Fürsten wollten in die Zeiten der absoluten Monarchien zurückkehren. Für viele Deutsche war die Hoffnung die nationale Einheit, ein geeintes und freies und möglichst demokratisches Deutschland ohne die alten Vorrechte der Fürsten. Zu dem neuen Staat sollten alle Länder deutscher Sprache gehören; die Nation sollte Bürgerrechte und demokratische Mitbestimmung gewährleisten. Auch Heinrich Hoffmann hatte diese Begeisterung; er nahm die Musik der österreichischen Hymne - auf die schon viele andere mehr oder wenige ernste Texte geschrieben hatten - und fuhr in die Ferien. Wie üblich verbrachte er die Sommerfrische auf Helgoland. Die kleine Insel in der Nordsee, fünfzig Kilometer vor der deutschen Küste, war damals Eigentum des Vereinigten Königreiches, heute ist sie deutsch und berühmt für den roten Felsen Lange Anna und ihre Duty-Free-Läden. Am 26. August 1841 schuf Hoffmann hier seinen Text, nachdem er ausgiebig getrunken hatte. Sehen wir also die Worte des Dichters.

Die erste Strophe
Deutschland, Deutschland über alles,
über alles in der Welt,
wenn es stets zu Schutz und Trutze
brüderlich zusammen hält.
Von der Maas bis an die Memel,
von der Etsch bis an den Belt.
Deutschland, Deutschland über alles,
über alles in der Welt.

Das ist der beanstandete Teil! Die berühmte erste Strophe, die Deutschland über alle anderen Völker hebt und ein weitläufiges Germanisches Reich weit über die historischen Grenzen hinaus fordert…

Sehen wir jedoch die wirkliche Bedeutung. “Über alles…”, oft missverstanden, war tatsächlich ein flammender Aufruf gegen die Interessen der Kleinstaaten und ihrer Fürsten, um endlich einen Nationalstaat zu gründen. Der friedliche und nicht immer nüchterne Dichter hatte keine Absicht, Deutschland über andere Nationen zu stellen. Für Fachleute unterstreichen wir, dass es sich um ein “über” mit Akkusativ handelt, das eindeutig einen Wunsch anzeigt.

Die geographischen Grenzen sind eher angedeutet. Der Fluss Maas kommt aus Frankreich - wo er Meuse heißt - fließt durch Belgien und dann ein langes Stück parallel zur Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland. Eine Gegend westlich des Flusses war bis 1815 preußisch und kam dann unter holländische Regierung. Auch wenn heute der Fluss nirgends die Grenze bildet - die wenige Kilometer entfernt verläuft – ist es doch schwierig, hier eine Gebietsforderung zu sehen. Wir erinnern noch daran, dass der Dichter, da es kein politisches und wirtschaftliches “Deutschland” gab, zunächst an die deutschsprachige Bevölkerung gedacht hatte, die es bis heute auch im östlichen Teil Belgiens gibt…

Die Memel - das war der Name des unteren Flusslaufes, der Staat war Ostpreußen, deutsch seit Jahrhunderten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil Ostpreußens von der Sowjetunion besetzt, der große Rest wurde Polen als Ersatz für die von den Sowjets besetzten polnischen Gebiete zugeteilt. Heute ist der Fluss - Nemunas auf Litauisch - daher fern von deutschen oder deutschsprachigen Gegenden, was der Dichter vor 166 Jahren nicht voraussehen konnte…

Die Etsch - auf Italienisch l’Adige, also der Adige! Ein großer Teil des schönen Flusses fließt durch deutschsprachige Gegenden, die damals zum österreichischen Kaiserreich gehörten. Heute sind wir daran gewöhnt, Österreich und Deutschland als zwei getrennte Staaten zu sehen, aber im neunzehnten Jahrhundert diskutierte man über die zwei Möglichkeiten, ein „großes“, geeintes Deutschland mit Österreich oder ein „kleines“ ohne Österreich. Der berüchtigte Anschluss von 1938 war ganz sicher keine Idee Adolf Hitlers! Auch während der Jahre der Weimarer Republik waren die meisten österreichischen Parteien, einschließlich der Sozialdemokraten, für eine Union mit Deutschland.

Von der Südecke zur Nordecke. Der Belt, genauer der Kleine Belt, eine Meerenge in der Ostsee. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verlief die deutsche Grenze auf dem Festland gegenüber der Meerenge; nach einer Volksabstimmung von 1920 kam die Gegend, in der heute noch sowohl Dänisch als auch Deutsch gesprochen wird, an Dänemark. Mit einem Blick auf die Landkarte und ein paar Kilometern dichterischer Freiheit wird es schwierig, diese Worte so gefährlich zu finden. Sehen wir also die

Die zweite Strophe
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
deutscher Wein und deutscher Sang,
sollen in der Welt behalten
ihren alten schönen Klang.
Uns zu edler Tat begeistern
unser ganzes Leben lang.
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
deutscher Wein und deutscher Sang.

Hatten wir schon gesagt, dass der Dichter getrunken hatte? Und dass das Lied überhaupt nicht als Nationalhymne, sondern zu ein paar guten Bechern gedacht war? Dass alles aus einer ausschließlich männlichen Sicht betrachtet wird – denken wir daran, dass das Lied bald 177 Jahre alt wird. Und warten wir auf den Ausgang der österreichischen Initiative, die im Texte der österreichischen Nationalhymne versucht, “große Töchter” den “großen Söhnen” des Landes hinzuzufügen, während die Fratelli d’Italia vorerst ohne Schwestern bleiben…

Die dritte Strophe
Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland,
danach laßt uns alle streben
brüderlich mit Herz und Hand.
Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand.
Blüh' im Glanze dieses Glückes,
blühe deutsches Vaterland!

Im selben Jahr 1841 wurde das Lied veröffentlicht. Als 1871 wirklich das deutsche Reich entsteht, wählt man jedoch ein anderes Lied als Hymne, ein Loblied auf den Kaiser.

Das Deutschlandlied oder Lied der Deutschen wird 1890 zum ersten Mal bei einer offiziellen Gelegenheit gesungen, in dem Jahr, das für den Tausch der deutschen Kolonie Sansibar gegen eine viel kleinere, aber auch deutschere Insel bekannt ist: Helgoland. Auch das ist nicht genau die historische Wahrheit, aber die Sache mit Helgoland ist eine andere Geschichte…

Das - heute unter Rechtsaußen-Verdacht stehende - Lied wurde dann 1922 von der sozialdemokratischen Regierung zur Nationalhymne erklärt. Etwas mehr als zehn Jahre später gelangen die Nationalsozialisten an die Macht. Das Recht und die Freiheit der dritten Strophe waren sicher nicht nach ihrem Geschmack; ob sie in der zweiten mehr gegen die Frauen oder gegen den Wein oder vielleicht gegen die edle Tat waren? Jedenfalls ließ das Regime, zuerst gewohnheitsmäßig, dann auch per Erlass, nur die erste Strophe singen; dass darin Orte außerhalb der seinerzeitigen Grenze genannt waren, wurde – abweichend von der Absicht des Autors - als Aufruf zum Erobern gedeutet; bei allen öffentlichen Gelegenheiten folgte der ersten Strophe immer das sogenannte Horst-Wessel-Lied, eine kriegerische Nazi-Hymne.

Die Bundesrepublik wurde ohne eine Nationalhymne gegründet; 1950 gab der erste Bundespräsident Theodor Heuss eine völlig neue Hymne in Auftrag, die aber den Deutschen nicht gefiel. Der Weg der Rückkehr der alten Hymne war entschieden sonderbar. Kein Gesetz legte die Nationalhymne fest, sondern ein Briefwechsel von 1952 zwischen dem Bundeskanzler und dem Bundespräsidenten, auf dessen Grundlage die Bundesrepublik über 40 Jahre lang eine dreistrophige Nationalhymne hatte, von der aber bei offiziellen Gelegenheiten nur die dritte gesungen werden sollte.

Viele glaubten sogar, die ersten beiden Strophen seien verboten. In der Tat ist das Lied nicht sehr aktuell, aber aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Das nationalsozialistische Regime hat es missbraucht? Sicher. Aber dann dürften wir auch keine Kartoffeln mehr essen oder keine Hosen mehr tragen.

1990: Deutsche Vereinigung durch Anschluss der Länder der DDR an die Bundesrepublik und durch Wiedervereinigung der Sektoren Berlins. Das wäre die Gelegenheit gewesen, die alte Hymne an einen Ehrenplatz im Museum der Geschichte zu stellen und eine neue zu schaffen, mit Einigkeit und Recht und Freiheit, aber auch mit dem Mut der Ostdeutschen, die mit lauter Stimme und leisen weißen Kerzen gegen die maschinenpistolenbewaffnete Diktatur protestiert hatten. Die friedliche von 1989 war die erste Revolution in der deutschen Geschichte. Die historische Gelegenheit wurde nicht ergriffen; mit einem neuen Briefwechsel wurde 1991 nur die dritte Strophe des Deutschlandliedes zur deutschen Nationalhymne erklärt.

alle_ausgaben/herbst_2018/die_deutsche_nationalhymne.txt · Zuletzt geändert: 03/11/2018 13:49 von luftpost

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